Info-Abend: Mit "Erneuerbaren" und Elektrifizierung zur Energiewende, 06.02.2026

08. Februar 2026

Zahlen sind langweilig und Prognosen immer düster? Nicht bei Dr. Christian Holler. Der renommierte Autor und Professor für Ingenieurmathematik lieferte am Info-Abend der SPD in der Ideologie-belasteten Diskussion über Erneuerbare Energien erhellende Einsichten, indem er ganz unideologisch Zahlen sprechen ließ.

Den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland sieht er "gut im Plan". Bis 2045 könnte damit etwa 50% des heutigen Energieverbrauchts gedeckt werden. Durch die Elektrifizierung sagt er zusätzlich eine deutliche Senkung der der heutigen Energieverluste von 25% voraus. Die Aufgabe sei es, bis dahin die restliche Lücke durch Reduktion des deutschen Energieverbrauchs zu schließen. Auch hier sieht Holler Chancen, vor allem durch Elektrifizierung, die effizienteste Energienutzung.

An deren Fortschreiten hat er keine Zweifel, politische Entscheidungen wie die Rücknahme des "Verbrenner-Aus'" würden den Trend nicht umkehren. Hier sieht Holler Kipppunkte erreicht wie bei anderen revolutionären Technologien etwa der Einführung des Autos oder des Internets und belegt das, in dem er die Kurven übereinanderlegt.

Die zweite große Aufgabe sieht er im Ausbau der Infrastruktur, die man viel zu lange habe schleifen lassen. Weil günstiger Strom zum Beispiel bei starkem Wind nicht in ausreichendem Maße in den Süden Deutschlands geleitet werden kann, müssten dort unter Zuzahlung der Verbraucher immer wieder Gaskraftwerke angeworfen werden, damit die Versorgung dort auch dann gewährleistet bleibt, wenn die Abnahme durch den niedrigen Preis besonders hoch ist. Solche Netzengpässe kosteten den Verbraucher jährlich ca. 3 Milliarden Euro. Ökonomen würden deshalb schon lange eine Unterteilung des deutschen Strommarktes in unterschiedliche Preiszonen fordern. Aber insbesondere Bayern und Baden-Württemberg würden sich vehement gegen diese marktwirtschaftliche Lösung wehren: hier rächt sich zudem, dass es in Bayern zu wenig Windräder gibt.

Überhaupt Strommarkt: Holler räumte auf mit Mythen und schnellen Schlagzeilen, Deutschland müsste aufgrund der Energiewende Kohlestrom aus Polen oder Atomstrom aus Frankreich einkaufen: zum Beispiel war Deutschland im Jahr 2025 Netto-Exporteur von Strom nach Polen. Und der Austausch von Strom mit Frankreich und anderen Ländern in beide Richtungen deutet vor allem auf einen funktionierenden europäischen Stormmarkt hin, nicht auf fehlende Kapazitäten hierzulande. Insgesamt würde man in Saldo nur 1% des deutschen Energiebedarfs über Strom importieren - gegenüber 65%, der in Form von Öl, Gas oder Kohle aus dem Ausland gedeckt wird und uns jährlich ca. 80 Mrd Euro kostet. Für einen "Strombettler Deutschland" findet er in diesen Zahlen keinen Beleg.

Warum nicht einfach auf Atomstrom setzen? Holler zeigt die Zahlen: Ein oder zwei Atomkraftwerke hätte keinen sonderlichen Effekt. Man bräuchte Dutzende. "Und dann will ich die Ministerpräsidenten sehen, wie sie durchs Land fahren, um zu fragen, wo man die bauen soll." Und überhaupt die Kosten: Während bei Erneuerbaren Energien die Kosten in Relation zur Energieleistung durch Lerneffekt und Massenproduktion immer weiter sinken, je größer die Kapazitäten dafür ausgebaut werden, geht der Trend bei Atomenergie in die andere Richtung. Diese wird stetig teurer. Auch eine Übersicht der aktuellen AKW-Neubauten in Europa zeigt, dass die Kosten um das Zwei- bis Vierfache die Planung übertreffen. Gleiches gilt für die Bauzeit. Und die Kosten für die Entsorgung sind dabei noch nicht einmal eingerechnet.

"Wie schaffen wir die Energiewende?", fragt Christian Holler sich abschließend und fasst zusammen: Über Reduktion unseres Energieverbrauchs vor allem über Elektrifizierung, über den Ausbau von Erneuerbaren Energien, der Infrastruktur und Speicher und schließlich über internationale Zusammenarbeit.

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